Aufsatz in der Fachzeitschrift KUNST+UNTERRICHT 5/2000

 

Gegenstände gegenständlich

Eine Unterrichtssequenz zum Thema «StiIleben», von Victor Svec

 

Zeuxis, der Maler der griechischen Antike, konnte die Weintrauben in seinem Bild so naturgetreu wiedergeben, dass die Vögel zum Bild geflogen kamen, um von den Trauben zu picken. Jenseits des Anekdotischen ist die Eignung stillebenhafter Arrangements als Anlass zur ästhetischen Auseinandersetzung mit der naturalistisch wiedergegebenen, sichtbaren Wirklichkeit ausführlich für die Kunstpädagogik legitimiert. Gemeinsam ist den An­sätzen, die über einen formal-instruktiven Unterricht hinausgehen, dass es der realistischen Darstellung - mit Georg Schmidt - um Erkenntnis der Wirklichkeit geht, der sichtbaren wie der inneren, un­sichtbaren. So entwickeln die Schü­lerinnen und Schüler von Godehard Pollakowski, ausgehend von van Goghs «Leerem Stuhl», mit Hilfe der Fotografie eine fiktive Le­bensgeschichte: Die Dinge des Menschen stehen für den Menschen, er selbst betritt nicht das Bild (Pollakowksi 1996, S. 42 f.). In Porträts mit Stilllebenattributen zeich­nen die Schülerinnen bei Clemens Grünberg ein komplexes Stück ihrer Biografie (Grünberg 1999, S. 35 f.). Es verschränken sich historisch gespeiste Ikonographie mit lebensweltlicher Erfahrung, im Zeichnen und Malen wird das Sehen geschärft, die Materie wird different und lebendig. Abzulesen ist allen Resultaten und Praxisberich­ten Intensität und Konzentration, die notwendige Ruhe und ein Verlangsamen der Wirklichkeitswahrnehmung und -aneignung durch die Darstellungsmethoden.

Naturalistische Wiedergabe und inhaltliche Auseinandersetzung verknüpfen die zwei Seiten einer Medaille des hier knapp skizzierten Unterrichts. Übungen zum Sehen, zum Wahrnehmen, zum Fixieren und visuellen Analysieren gehen der Darstellung voraus. In Schritten und an einfachen Objekten üben wir. Wichtig ist das Erkennen des strukturellen Aufbaus von Gegenständen in Wechselwirkung mit ihrer äußeren Form, etwa bei axialsymmetrischen Gegenständen und deren markantesten Ausformungen um die Längsachse. Ergänzt wird dieser Schritt durch die Formerfassung über die Konturlinie und/oder die Negativform - ein Verfahren, das besonders bei kompliziert bzw. ungewöhnlich geformten Objekten geeignet ist. In dieser ersten, rein zeichnerischen Arbeitsphase erwies es sich als sehr hilfreich, dass die Schülerinnen und Schüler ihre mitgebrachten Gegenstände beim Zeichnen mit dem «Röntgenblick» erfassen. Sie sind dazu aufgefordert von der sichtbaren Hülle ausgehend, die innere Struktur zu imaginieren. Diese Methode, von «innen‑nach‑außen», schärft den Blick für den Aufbau auch kompliziertester Gegenstände und führt sukzessive zu deren äußeren Hülle, die differenter wahrgenommen wird. Dabei entwickelt sich ein nicht zu unterschätzendes Potenzial an Fähigkeiten zum Sehenlernen heraus, das auch in anderen bildnerischen Zusammenhängen wichtig ist.

 

Mimesis - von alten Meistern lernen

Ein weiteres Feld ist die Erkundung und Darstellung von Textur und Oberflächenbeschaffenheit der Objekte, von deren Materialcharakter und die Beobachtung der Wechselwirkung mit deren Plastizität. Damit eng verknüpft ist die Licht‑ und Schattenverteilung. Dazu werden Oberflächen er- und betastet, mögliche Schraffurtechniken werden in Kleingruppen erprobt, im Gespräch erörtert. Fast erwartungsgemäß taucht dann die oftmals gestellte Frage auf: «Wie stelle ich Glas, Holz, Metall oder Stoff dar?» Gegenstände werden befühlt, mit Lupen betrachtet, in ihren Texturen und Strukturen verglichen, nach adäquaten Darstellungsmöglichkeiten wird gesucht. So steht der Versuch im Vordergrund, das Gesehene mit dem vorhandenen Repertoire der Fähigkeiten darzustellen, zu vergleichen und immer wieder zu optimieren. Die Ergebnisse werden mit der Lerngruppe diskutiert, die Erkundungen Einzelner über das Wesenhafte des Materials allen zur Verfügung gestellt.

 Skizzen zur Materialwiedergabe 

Nun gilt unsere Aufmerksamkeit dem Bezug der Gegenstände zueinander, also der Komposition und ihren Gesetzmäßigkeiten in Bezug auf Gruppierung und Schwerpunktbildung. Letztlich werden all diese Aspekte erneut aufgegriffen, wenn die farbliche Ausgestaltung geübt wird. Komposition konstituiert Bedeutung, stiftet Beziehungen, sie ist letztlich Träger und formaler Kern der Syntax. Dies ist am überschaubar-reduzierten Gefüge eines Stilllebens leicht zu erkunden und zu begreifen und legt die Basis für komplexeres Bildverstehen.

Auch Bilder der niederländischen Stilllebenmalerei werden rezeptiv herangezogen, um das von den Malern verwendete malerische Vokabular der Umsetzung bestimmter Stofflichkeiten und deren Wirkung zu untersuchen. Dabei können verblüffend einfache, aber sehr wirkungsvolle Effekte herausgefiltert werden, wie z. B. die mit wenigen Hellgrau‑Werten und Weißhöhungen zu bewerkstelligende Darstellung von Gläsern oder metallischen Gegenständen auf dunklem Hintergrund (Abb. 1 u. 2). Hier geht es nicht nur um ein Stück handwerklicher Adaption des Könnens, sondern ebenso um die Reduktion der «Ehrfurcht vor den alten Meistern», deren virtuose Malerei durch Bewusstmachung der wichtigsten Darstellungsstrategien in recht pragmatischer Weise in das eigene Repertoire überführt wird.

Erst auf diesem Fundament mimetischer Darstellung wurde dann die weitere Praxis eines Stilllebens mit möglichst naturgetreuer Wiedergabe entfaltet. Die Schülerinnen und Schüler wählten ihr eigenes ikonographisches Feld durch die Auswahl der hierfür passenden Gegenstände. So wurden klassische Themen wie die allegorische Darstellung der  Musik  oder  der  Malerei  in  aktualisierter

 

  Abb.5

 

Weise neu formuliert (Abb. 4 u. 5) und somit «greifbarer». Das «Stillleben im Badezimmer» (Abb. 3) führt die (unvermeidliche?) Notwendigkeit von Körperpflege und «Styling» vor Augen und stellt somit ‑ bewusst oder unbewusst die Frage nach dem Stellenwert und der Bedeutung von Schönheits- und Pflegestandards unter jugendlichen, die in einer Abschlussbesprechung thematisierbar sind.

 

    Abb. 3                                                                        Abb.4

 

Beziehungsreiche Objektgruppierungen, inspiriert durch die Kenntnis des Bedeutungsgeflechtes in historischen Stillleben und das Wissen um kompositorische Regeln, werden malerisch mit Deckfarben umgesetzt. Bei dieser recht aufwendigen Arbeit können die Vorstudien und Arbeitsproben funktional genutzt werden, auch um das Bedürfnis der Schülerinnen und Schüler nach einer «fotorealistischen» Darstellung ihrer Themen aufzugreifen.

 

Literatur

Ausstellungskatalog Leselust. Niederländische Malerei von Rembrandt bis Vermeer. Frankfurt 1993

Ausstellungskatalog „Stilleben in Europa“, Münster 1979.

Grünberg, Clemens: Biografische Spuren. In: K+U 237/1999.

Losos, Ludvik: Die Technik der Malerei. Hanau 1988.

Pollakowski, Godehard: Die Dinge des Menschen. In: K+U 208/1996.

Schneider, Norbert: Stillleben. Realität und Symbolik der Dinge. Köln 1989.

Themenheft Stillleben, K+U 153/1991.